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Was wäre, wenn… Auskunfteien ihre Formeln offenlegen würden?

OpenSCHUFA hat eingeschlagen. Unterstützer und Gegner melden sich lautstark zu Wort. Was wäre, wenn Auskunfteien die Formeln offenlegen?
Elisa Thiem

text von

Elisa Thiem

11. Dezember 2018
Askunfteien Formeln offenlegen

Die OpenSCHUFA Initiative hat für ziemlich viel Wirbel gesorgt. Die beiden NGOs AlgorithmWatch und die Open Knowledge Foundation riefen die Kampagne Mitte Februar ins Leben und möchten nun Daten (Selbstauskünfte von mindestens 10.000 Verbrauchern) und Geld (80.000 Euro) sammeln, um den Algorithmus für den SCHUFA Score mithilfe von Datenexperten zu knacken.

Was OpenSCHUFA kritisiert, ist mangelnde Transparenz und Nachvollziehbarkeit bei der Berechnung von Bonitätsscores. Bezeichnend ist neben der großen Resonanz in den Medien auch die Begeisterung bei vielen Verbrauchern; schließlich wurde das erste Fundingziel mit 30.000 EUR schon nach knapp zwei Wochen erreicht.

Die Frage, die aber noch nicht ausreichend geklärt wurde, stellt sich wie folgt: Was wäre, wenn Auskunfteien tatsächlich ihre Formeln offenlegen? Unser Szenario verrät es Dir.

Bevor wir das angehen, stellen wir noch einmal alle Kritikpunkte, die die Initiative beklagt, auf:

Intransparenz Da der Bonitätsscore einen großen Einfluss auf das alltägliche finanzielle Leben eines jeden Verbrauchers hat, sollte er nachvollzogen werden können. Nicht selten wird ein Kreditantrag, Handyvertrag, ein Ratenkauf oder Ähnliches – aufgrund einer nicht ausreichenden Bonität – abgelehnt, dem Betroffenen selbst wird aber neben der Absage keine genauere Auskunft mitgeteilt.

Aktualität und Pflege der Bonitätsdaten Auskunfteien verwalten Daten zu Millionen von Menschen. OpenSCHUFA bezweifelt die ausführliche Pflege und Aktualisierung von Daten, den Einsatz von fehlerfreien Softwares und ein funktionierendes Wechselspiel zwischen Auskunftei und Banken und Co. Ein Drittel der Bonitätsauskünfte sind tatsächlich schlichtweg falsch, veraltet oder unvollständig und können im schlimmsten Fall zu einem zu Unrecht schlechten Bonitätsscore führen.

Eventuelle Diskriminierung Auch wenn §31 des BDSG neu (Bundesdatenschutzgesetz neu – wurde im Zuge der EU-Datenschutz-Grundverordnung, DSGVO, aktualisiert) explizit festlegt, dass für die Berechnung eines Scores nicht ausschließlich Anschriftendaten verwendet werden dürfen (auch Geoscoring genannt) und wenn doch die betroffene Person VOR Berechnung des Scores über die Nutzung des Scores informiert werden muss, ist nicht klar, wie relevant der Wohnort für die letztendliche Berechnung ist. Weiterhin spielen auch Alter und Geschlecht eine Rolle für die Berechnung von Bonitätsscores. Dessen Gewichtung? Unbekannt.

 Einschub von bonify

Speziell den ersten beiden Punkten kann man bereits mit bonify entgehen, indem man aktiv wird. Zurzeit hat jeder Verbraucher mehrmals jährlich das Recht auf eine Selbstauskunft bei jeder Auskunftei und allen Unternehmen, die personenbezogene Daten speichern. Andere Auskünfte wie zum Beispiel die Bonitätsauskunft für Vermieter, sind kostenpflichtig. Dank bonify ist das anders. Wer sich bei bonify anmeldet, erhält sofort, zu jeder Tages- und Nachtzeit und immer kostenlos Einblick in seine Bonitätsdaten und den Bonitätsscore (übermittelt von der Auskunftei Creditreform Boniversum).

Dieser Vorteil führt ebenfalls zum zweiten Punkt, schließlich kann man so die über sich gespeicherten Daten prüfen und im Falle eines Falscheintrages direkt reagieren. Wer selbst Positivmerkmale einmeldet und seine Daten aktuell hält, schützt sich bestmöglich vor zu Unrecht negativ berechneten Bonitätsscores.

 Welche Faktoren sind für die Bonität relevant?

So intransparent ist die Berechnung von Scores im Grunde gar nicht. Alle relevanten Faktoren sind von den meisten Auskunfteien nämlich bekannt.

Neben eher allgemeinen Angaben zur Person, Geschlecht, Alter und Zahlungshistorie fließt alles ein, was zum geschäftlichen Leben der Person gespeichert wurde. Dazu gehören laufende oder abgeschlossene Kreditkarten- und Girokonten, Kredite, Ratenfinanzierungen für Handy, Computer, Möbel und Ähnliches sowie Leasingverträge, Bürgschaften und eventuelle negative Zahlungserfahrungen.

Wie sich oben genannte Faktoren auf den Score auswirken, ist nicht bekannt.  Das Vorhandensein sogenannter Negativmerkmale wie Mahn- oder Vollstreckungsbescheide, Haftanordnungen, Insolvenzverfahren oder Eidesstattliche Versicherungen beeinflussen den Bonitätsscore negativ.

Adressdaten im Zuge des sogenannten Geoscorings fließen nicht in die Berechnung des Scores ein. Sollten keine weiteren Informationen zu der Person vorhanden sein und werden Adressdaten zur ungefähren Einschätzung benötigt – wird Dir das vorher mitgeteilt. Social Media Daten fließen in Deutschland ebenfalls nicht in die Berechnung der Bonitätsscores ein.   

 Wozu brauchen wir Bonitätsscores?

Bonitätsscores dienen nicht nur Unternehmen dazu, zukünftige Vertragspartner und deren Risiko einschätzen zu können, sondern schützen Verbraucher auch vor Überschuldung und sorgen so für ein gesundes Wirtschaftssystem.

 Ein eindeutiger Gegner: Die leidenschaftliche Stellungnahme der SCHUFA zur OpenSCHUFA Kampagne

Die SCHUFA selbst reagierte prompt auf die Ankündigung der OpenSCHUFA Kampagne und führte die Besorgnis nach Manipulation von Bonitätsauskünften und -scores, die letztendlich zu einer Wirtschaftskrise führen, an.

Dieser Gedanke mag an die Hypothekenkrise (Subprime-Markt-Krise) in den USA angelehnt sein. Die Sorge: Ist der Score einmal offengelegt, können Verbraucher ihn manipulieren, zuhauf Kredite aufnehmen und sich heillos überschulden – ein Katastrophenfall wäre eine Bankenkrise wie es in den USA der Fall war.

Was in den USA geschah, war, dass Personen Hypotheken bekamen, deren Bonität nicht ausreichend war. Das war einerseits möglich, indem verstanden wurde, wie Scores manipuliert werden konnten. Es wurden also Maßnahmen bekannt, die den Score in die Höhe trieben. Somit sahen Kreditantragssteller nun attraktiver für Banken aus – nämlich kreditwürdiger – waren aber dennoch nicht finanziell in der Lage, den Kredit letztendlich auch zu bedienen. Gleichzeitig gaben Hypothekenmakler ihren Kunden Tipps, wie die Bonität manipuliert werden konnte, um so soviele Geschäfte wie möglich abschließen zu können. All das kann in der Studie „Das Kreditrating von Verbrauchern und Unternehmen und die Subprime-Krise in den USA mit Lehren für Deutschland“ nachgelesen werden.

 Kann sowas auch in Deutschland passieren?

Das Kreditvergabesystem gestaltet sich in Deutschland anders als in den USA. Die Wirtschaftskrise wurde durch sogenannte Subprime-Hypothekenkredite ausgelöst, bei denen Menschen mit niedriger Bonität ein Hypothekendarlehen erhielten. Nach steigenden Kreditzinsen und sinkenden Einkommen konnten eine Vielzahl von Kreditnehmern ihre Raten nicht mehr zahlen und Immobilienblasen platzten.

Während in den USA Hypothekenmakler zwischen Bank und Kreditnehmer zwischengeschaltet sind, die selbst kein finanzielles Risiko tragen, agieren im deutschen Bankensystem Kreditnehmer und Kreditgeber unmittelbar miteinander. Das bedeutet, dass Banken selbst die Verantwortung für Kreditvergaben tragen und zukünftige Schuldner genauer unter die Lupe nehmen.

Neben den Bonitätsscores von der SCHUFA, Creditreform Boniversum und Co. berücksichtigen Banken die finanzielle Situation des Antragsstellers und nehmen dessen Einkommen, Vermögensverhältnisse, monatlichen Haushaltsüberschuss usw. in das Auswahlverfahren hinzu. (Ganz ähnlich berechnen wir übrigens bei bonify Deine FinFitness.) Während also in den USA oft nur der sogenannte FICO-Score für einen Kreditantrag zu Rate gezogen wird, bekommen Verbraucher selbst bei Manipulation eines deutschen SCHUFA-Scores oder Boniversum Indexes, nicht automatisch einen Kredit.

 Kann der SCHUFA Score oder ein Bonitätsscore einer anderen Auskunftei manipuliert werden?

Wie bereits erwähnt, kann die Bonität durch eigenständige Pflege und Überwachung der Daten im Grunde verbessert werden. Wirklich manipuliert werden, kann er aber nicht, da Auskunfteien von einem Wechselspiel der Daten leben. Partnerunternehmen der Auskunfteien wie Banken, Versicherer, Online Shops, bei denen Du Kunde bist, melden in regelmäßigen Abständen Daten an die Auskunftei und füttern somit die Bonitätsakten. 

Zum Beispiel ein abgezahlter Kredit: Nach Vollendung der Rückzahlung meldet die Bank der Auskunftei die erfolgreiche Tilgung des Kredites. Die Auskunftei vermerkt dies nun in der Bonitätsauskunft, wo der Vermerk im Zuge der Löschfristen taggenau nach Rückzahlung für drei Jahre gespeichert wird.

Negativmerkmale, die der Bonität tatsächlich schaden, können ebenfalls nicht manipuliert oder gelöscht werden, da mehrere Parteien involviert sind. Ein Inkassoverfahren beispielsweise kommt erst nach mehreren Mahnungen zustande. Wer auf diese nicht reagiert, riskiert ein gerichtliches Mahnverfahren. All diese Schritte laufen über verschiedene Stellen, die schwer zu manipulieren sind.

 Was also wäre, wenn Auskunfteien wie Creditreform Boniversum oder die SCHUFA ihre Algorithmen offenlegen würden?

Dann würdest Du die Gewichtung der einzelnen Faktoren kennen. Und nun?

Welche Faktoren bei der Berechnung des Bonitätsscores wichtig sind, ist bekannt. Wie die genaue Formel aussieht: nicht.

Fakt ist, ob nun Auskunfteien ihre Algorithmen offenlegen und Verbraucher die jeweilige Gewichtung kennen – macht weder für die jeweiligen Unternehmen noch für die Verbraucher einen Unterschied.

Wichtiger ist der Fokus und die generelle Kommunikation über das Thema Bonität. Dieses ist kaum präsent. Die meisten Menschen kommen das erste Mal mit einer Bonitätsauskunft in Berührung, wenn sie die erste eigene Wohnung mieten möchten. Und auch dann ist selten klar, dass die Bonität für weitere Teile des Lebens wichtig ist und jede Person ständig begleitet.

In erster Linie würde ein Erfolg von OpenSCHUFA vor allem etwas Positives bedeuten: Sensibilisierung auf das Thema Bonität und die Beschäftigung mit seinen eigenen Daten. 

Hierfür steht bonify jederzeit bereit. Wer seinen Bonitätsscore und die über sich gespeicherten Daten prüfen möchte, hat dazu jederzeit und kostenlos die Möglichkeit. Nicht zuletzt helfen wir dabei, den breiteren Überblick über die finanzielle Situation behalten, indem wir Dir den Finanzmanager (ein digitales Haushaltsbuch) bieten oder Deine FinFitness berechnen.

Elisa Thiem

Elisa Thiem

machte den Bachelor of Arts in Literaturwissenschaften in Bonn und den Master in Germanistik in Potsdam. Jetzt lebt sie ihre Leidenschaft zum Schreiben als Content und PR Manager bei bonify aus.